Wer ein Bild bearbeiten möchte, verwendet Photoshop. Wer eine Tabelle erstellen muss, öffnet Excel. Für Rechnungen, Projektverwaltung, Videoschnitt oder Buchhaltung gibt es spezialisierte Anwendungen, häufig verbunden mit monatlichen Abonnements. Wir haben uns daran gewöhnt, für beinahe jede digitale Aufgabe ein fertiges Produkt zu kaufen.

Das war lange wirtschaftlich sinnvoll. Eine komplexe Software zu entwickeln erforderte Fachwissen, grosse Teams, jahrelange Arbeit und erhebliche Investitionen. Für die meisten Menschen und Unternehmen war es wesentlich günstiger, eine vorhandene Anwendung zu lizenzieren, als selbst eine zu entwickeln.

Künstliche Intelligenz beginnt, diese Rechnung zu verändern.

Heute können einzelne Entwickler mit KI-Unterstützung Anwendungen realisieren, für die früher ganze Entwicklungsteams notwendig gewesen wären. Programmierung wird zunehmend automatisiert, bestehender Quellcode lässt sich schneller analysieren und verändern, und komplexe Funktionen können auf bereits vorhandenen Komponenten aufgebaut werden.

Noch entstehen dadurch nicht automatisch ausgereifte Produkte. Doch die wirtschaftliche Eintrittshürde sinkt.

Was passiert mit einer Industrie, deren Geschäftsmodell wesentlich davon lebt, dass die Entwicklung komplexer Software teuer ist, wenn diese Komplexität zunehmend erschwinglich wird?

Die ungewöhnliche Ökonomie der Software

Software besitzt eine bemerkenswerte wirtschaftliche Eigenschaft: Die erste funktionsfähige Version kann Millionen kosten, während sich jede weitere Kopie praktisch kostenlos herstellen lässt.

Ein Automobil benötigt für jedes verkaufte Exemplar Material, Energie, Fertigungszeit und Transport. Eine Software kann dagegen millionenfach vervielfältigt werden, ohne dass jedes Exemplar erneut produziert werden muss.

Diese Eigenschaft hat Softwareunternehmen ausserordentlich profitabel gemacht. Wer eine ausreichend leistungsfähige Anwendung entwickelte, konnte dieselbe technische Leistung an Millionen Kunden verkaufen. Proprietärer Quellcode schützte dabei die Investition und erschwerte es Konkurrenten, vergleichbare Produkte anzubieten.

Die eigentliche wirtschaftliche Knappheit lag in der Fähigkeit, solche Anwendungen überhaupt herzustellen und langfristig weiterzuentwickeln.

Hinzu kamen weitere Wettbewerbsvorteile: etablierte Dateiformate, umfangreiche Ökosysteme, spezialisierte Arbeitsabläufe und Kunden, die über Jahre in eine bestimmte Software investiert hatten. Ein Unternehmen wechselte nicht einfach seine gesamte Infrastruktur, nur weil eine Alternative günstiger war.

Künstliche Intelligenz beseitigt diese Vorteile nicht über Nacht. Sie verändert aber zunehmend die Kosten, mit denen neue Wettbewerber vergleichbare Funktionen entwickeln können.

Ein KI-Agent kann heute bestehende Codebasen untersuchen, Funktionen implementieren, Tests erstellen und umfangreiche Änderungen vorbereiten. Fähigkeiten, für die früher unterschiedliche Spezialisten benötigt wurden, lassen sich zunehmend innerhalb eines einzelnen Entwicklungsprozesses zusammenführen.

Damit verändert sich eine zentrale wirtschaftliche Voraussetzung: Je günstiger es wird, eine bestimmte Funktion selbst zu entwickeln oder aus offenen Komponenten zusammenzustellen, desto schwieriger wird es, allein für ihre Verfügbarkeit hohe Preise zu verlangen.

Der Marktwert einer Anwendung hängt schliesslich nicht davon ab, wie viel Arbeit ihr Hersteller einmal investiert hat. Entscheidend ist, welchen Nutzen sie bietet und welche Alternativen den Kunden zur Verfügung stehen.

Adobe und die schwindenden Eintrittshürden

Kaum ein Unternehmen illustriert diese Entwicklung besser als Adobe.

Photoshop, Illustrator, Premiere Pro und InDesign gehören seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Werkzeugen professioneller Kreativarbeit. Adobe hat damit ein enormes Ökosystem aufgebaut, dessen Stärke weit über die einzelnen Anwendungen hinausgeht.

Gleichzeitig zeigt sich inzwischen, wie schnell neue Alternativen entstehen können.

Das Projekt ArtCraft entwickelt sieben kostenlose Open-Source-Anwendungen, die unter anderem Bildbearbeitung, Vektorgrafik, Videoschnitt, Fotografie und Layout abdecken. Die Programme werden in Rust entwickelt, laufen lokal und sollen sich auch über Schnittstellen von KI-Agenten bedienen lassen.

Die meisten dieser Anwendungen befinden sich noch in frühen Entwicklungsphasen. Ein funktionsfähiger Prototyp ist kein Beweis dafür, dass er bereits jahrzehntelang gewachsene professionelle Software ersetzen kann.

Bemerkenswert ist dennoch, dass inzwischen ganze Produktfamilien entstehen, die gezielt etablierte kommerzielle Anwendungen nachbilden, ihre Funktionen offenlegen und für unterschiedliche Betriebssysteme verfügbar machen.

Ein anderes Beispiel liefert Canva. Nach der Übernahme von Affinity wurde die professionelle Designsoftware im Oktober 2025 als kostenlose Anwendung neu veröffentlicht. Werkzeuge für Bildbearbeitung, Vektorgrafik und Seitenlayout sind frei nutzbar. Zusätzliche KI-Funktionen werden über kostenpflichtige Canva-Angebote vermarktet.

Affinity ist weiterhin proprietär. Gerade das macht die Entwicklung wirtschaftlich interessant: Ein Unternehmen stellt leistungsfähige professionelle Desktopsoftware kostenlos bereit und verlagert einen Teil seiner Monetarisierung auf ergänzende Dienste.

Adobes Geschäftszahlen zeigen bislang eine weiterhin starke Nachfrage. Im dritten Geschäftsquartal 2026 erzielte das Unternehmen laut seinem Finanzbericht einen Rekordumsatz von 6,76 Milliarden US-Dollar, ein Wachstum von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Zahlen zeigen, wie stark die bestehende Nachfrage weiterhin ist. Sie beantworten allerdings nicht, wie verteidigungsfähig das bisherige Geschäftsmodell auf längere Sicht bleibt.

Adobe scheint die Veränderung durchaus zu erkennen. Das Unternehmen integriert KI-Agenten in seine Kreativanwendungen und öffnet deren Funktionen zunehmend für externe KI-Plattformen.

Darin zeichnet sich bereits ein anderes Verständnis von Software ab. Vielleicht wird es künftig weniger wichtig, ob jemand Photoshop selbst öffnet. Wichtiger könnte werden, ob die benötigten Bildbearbeitungsfunktionen innerhalb des gewünschten Arbeitsablaufs verfügbar sind.

Die Anwendung wäre dann nur noch eine von mehreren Möglichkeiten, auf dieselbe technische Leistung zuzugreifen.

Wenn sich Software dem Menschen anpasst

Die Veränderung betrifft weit mehr als professionelle Kreativwerkzeuge.

In zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen werden noch immer Geschäftsprozesse über Tabellen, Formulare und manuelle Arbeitsschritte organisiert. Daten werden zwischen Anwendungen kopiert, Dokumente mehrfach erfasst und Informationen über unterschiedliche Systeme verteilt.

Solche Abläufe sind häufig nicht das Ergebnis einer bewussten Architekturentscheidung. Sie sind historisch entstanden, weil eine individuell entwickelte Lösung zu aufwendig oder zu teuer gewesen wäre.

Also verwendet man Excel, obwohl man eigentlich eine Auftragsverwaltung benötigt. Man kauft umfangreiche Unternehmenssoftware, obwohl vielleicht nur wenige ihrer Funktionen gebraucht werden. Und man passt interne Prozesse an die Möglichkeiten des Produkts an, weil Änderungen an der Software nicht vorgesehen oder mit zusätzlichen Kosten verbunden sind.

Künstliche Intelligenz könnte dieses Verhältnis zunehmend umkehren.

Wenn ein Unternehmen seine Anforderungen verständlich beschreiben kann, lassen sich daraus künftig mit geringerem Aufwand individuelle Anwendungen entwickeln. Ein bestehendes Open-Source-Projekt könnte als Grundlage dienen und um die tatsächlich benötigten Funktionen erweitert werden.

Die Software muss dann nicht möglichst viele Kunden mit unterschiedlichen Anforderungen bedienen. Sie kann für einen konkreten Ablauf entworfen werden.

Dabei braucht nicht jedes Unternehmen eine eigene Entwicklungsabteilung. Externe Dienstleister können solche Systeme mit KI-Unterstützung wesentlich wirtschaftlicher erstellen, integrieren und warten. Auch interne Mitarbeitende könnten kleinere Anpassungen zunehmend selbst vornehmen.

Natürlich ist das nicht für jeden Anwendungsfall sinnvoll. Eine Buchhaltung unterliegt gesetzlichen Anforderungen, medizinische Systeme benötigen besondere Sicherheitsvorkehrungen und komplexe Unternehmensplattformen müssen zahlreiche Abhängigkeiten berücksichtigen.

Aber viele alltägliche Geschäftsprozesse besitzen eine überschaubare Logik. Für solche Aufgaben könnte die individuell angepasste Anwendung zur wirtschaftlich attraktiveren Alternative gegenüber einer umfangreichen Standardsoftware werden.

Damit entsteht möglicherweise eine grundlegende Veränderung der Softwarelandschaft.

Bisher mussten sich Millionen Menschen an dieselben Programme gewöhnen. Künftig könnten Millionen Programme entstehen, die sich an die jeweiligen Menschen und ihre Arbeitsweisen anpassen.

Brauchen wir künftig überhaupt noch Apps?

Noch weiter reicht die Entwicklung, wenn KI nicht nur Software erstellt, sondern sie auch selbstständig bedienen kann.

Unsere heutige Vorstellung einer Anwendung ist stark durch ihre grafische Benutzeroberfläche geprägt. Programme besitzen Fenster, Menüs, Werkzeugleisten und Dialogfelder. Der Mensch muss lernen, welche Funktionen existieren und wie sie miteinander kombiniert werden.

Diese Bedienungslogik entstand, weil Computer unsere Absichten nicht unmittelbar verstehen konnten. Wir mussten sie in eine Abfolge konkreter Befehle übersetzen.

KI-Agenten beginnen, einen Teil dieser Übersetzung zu übernehmen.

Ein Anwender könnte beispielsweise verlangen, aus mehreren Dokumenten eine Abrechnung zu erstellen, bestimmte Daten zu prüfen und das Ergebnis in ein vorgegebenes Format zu exportieren. Der Agent verwendet dafür die erforderlichen Werkzeuge und führt die einzelnen Verarbeitungsschritte aus.

Ob diese Funktionen aus einer grossen Anwendung, mehreren spezialisierten Programmen oder kleinen selbst entwickelten Komponenten stammen, muss für den Anwender nicht mehr unbedingt sichtbar sein.

Damit verliert möglicherweise auch die klassische App als abgeschlossene Produkteinheit an Bedeutung.

Ihre technische Funktionalität kann erhalten bleiben, während die feste Benutzeroberfläche zunehmend optional wird. Eine Anwendung könnte grafisch bedient, über eine API angesprochen oder von einem KI-Agenten verwendet werden. Je nach Aufgabe entsteht eine andere Form der Interaktion.

Das bedeutet keineswegs, dass grafische Oberflächen verschwinden. Wer ein Bild präzise retuschieren, eine komplexe Konstruktion überprüfen oder eine Animation gestalten möchte, wird weiterhin von direkter visueller Kontrolle profitieren.

Doch wir könnten künftig wesentlich seltener gezwungen sein, komplexe Anwendungen allein deshalb zu erlernen, weil wir eine bestimmte Funktion benötigen.

Die Frage verschiebt sich vom verwendeten Programm zum gewünschten Ergebnis.

Open Source bekommt einen neuen wirtschaftlichen Vorteil

Bereits vor rund einem Jahr habe ich in meinem Essay «Open Source: Der neue Wirtschaftsmotor» beschrieben, weshalb offene Software längst über ihren ursprünglichen idealistischen Anspruch hinausgewachsen ist.

Unternehmen nutzen gemeinsame technische Grundlagen, weil es wirtschaftlich wenig sinnvoll ist, dieselben Komponenten unabhängig voneinander zu entwickeln. Sie profitieren von gemeinsamer Weiterentwicklung, geringeren Abhängigkeiten und der Möglichkeit, bestehende Systeme eigenständig anzupassen.

Künstliche Intelligenz könnte diesen wirtschaftlichen Vorteil erheblich verstärken.

Offener Quellcode ist für KI-gestützte Entwicklung besonders interessant. Ein Agent kann die Implementierung untersuchen, Zusammenhänge analysieren, Funktionen ergänzen und Änderungen unmittelbar in der vorhandenen Architektur vornehmen.

Bei proprietärer Software hängt die Anpassbarkeit dagegen davon ab, welche Schnittstellen und Erweiterungsmöglichkeiten der Hersteller bereitstellt.

Je günstiger individuelle Anpassungen werden, desto wertvoller wird die Möglichkeit, sie überhaupt vornehmen zu dürfen.

Ein Unternehmen, das eine offene Anwendung verwendet, kann deren Funktionen erweitern, die Benutzeroberfläche verändern oder sie in bestehende Systeme integrieren. Falls der ursprüngliche Entwickler das Projekt aufgibt, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, die Entwicklung unabhängig fortzuführen.

Damit wird Offenheit zu einer wirtschaftlichen Eigenschaft, die weit über den kostenlosen Zugang hinausgeht.

Allerdings sollte man kostenlose Software und Open Source nicht gleichsetzen. Auch proprietäre Programme können kostenlos angeboten werden, wie Affinity zeigt. Umgekehrt können Unternehmen mit Open-Source-Software erhebliche Umsätze erzielen.

Es gibt auch keinen Automatismus, durch den KI zwangsläufig zu mehr Open Source führt. Proprietäre Anbieter können dieselben Entwicklungswerkzeuge verwenden und ihre Kosten ebenfalls reduzieren.

Trotzdem dürfte der Wettbewerb offene Alternativen begünstigen. Wenn vergleichbare Funktionen günstiger herstellbar werden, gewinnen die Möglichkeiten zur Anpassung, unabhängigen Weiterentwicklung und langfristigen Kontrolle an Bedeutung.

Ich halte es daher für plausibel, dass ein wachsender Teil produktiver Standardsoftware künftig kostenlos verfügbar sein wird und offene Projekte dabei eine immer grössere Rolle übernehmen.

Die Entwicklung wird billiger. Verantwortung bleibt teuer.

Eine Anwendung kann heute mit KI-Unterstützung erstaunlich schnell entstehen. Daraus folgt allerdings nicht, dass ihre langfristige Entwicklung und ihr Betrieb ebenso trivial werden.

Ich habe diese Unterscheidung selbst bei der Entwicklung von Trace erfahren, meiner macOS-Anwendung zur Speicheranalyse und Deinstallation.

KI ermöglichte mir, ein komplexes Softwareprojekt umzusetzen und zu vermarkten. Die erste funktionierende Version war dabei nur ein Teil der Arbeit. Mit zunehmender Komplexität wurden Fragen wichtiger, die sich nicht durch das blosse Erzeugen von mehr Quellcode beantworten lassen.

Wie zuverlässig sind die angezeigten Informationen? Was geschieht bei unerwarteten Systemzuständen? Welche Risiken entstehen durch Änderungen? Wie verhindert man, dass eine neue Funktion bestehendes Verhalten beschädigt? Und wie stellt man sicher, dass eine Anwendung auch nach zahlreichen Aktualisierungen noch als zusammenhängendes System funktioniert?

KI kann helfen, diese Probleme zu lösen. Sie nimmt dem Entwickler jedoch nicht automatisch die Verantwortung für das Ergebnis ab.

Das ist auch für die wirtschaftliche Zukunft entscheidend.

Ein Unternehmen benötigt nicht einfach irgendeine Software, die auf den ersten Blick funktioniert. Es benötigt eine Lösung, auf deren Verhalten es sich verlassen kann. Daten müssen geschützt, Schnittstellen gepflegt, Änderungen überprüft und Ausfälle behandelt werden.

Je kritischer eine Anwendung für einen Geschäftsprozess ist, desto wichtiger werden solche Eigenschaften.

Hier sehe ich einen wesentlichen Teil der künftigen Wertschöpfung: in Architektur, Qualitätssicherung, Integration, Wartung, Support und zuverlässigem Betrieb.

Software könnte damit zunehmend eine ähnliche wirtschaftliche Rolle einnehmen wie andere technische Infrastruktur. Die verwendeten Komponenten sind standardisiert oder frei verfügbar, während Unternehmen für deren fachgerechte Einrichtung, Anpassung und Betreuung bezahlen.

Die Kosten verschwinden nicht. Sie verteilen sich anders.

Warum wir weiterhin für Spiele bezahlen werden

Es wäre allerdings voreilig, daraus das Ende kostenpflichtiger Software abzuleiten. Denn nicht jede Anwendung besitzt denselben wirtschaftlichen Zweck.

Besonders deutlich wird das bei Computerspielen.

Wer Photoshop verwendet, möchte in erster Linie ein Bild bearbeiten. Wer eine Buchhaltungssoftware öffnet, möchte Geschäftsvorgänge korrekt erfassen. Die Anwendung erfüllt einen praktischen Zweck. Wenn eine günstigere Alternative dieselbe Aufgabe zuverlässig erledigt, kann sie das bisherige Produkt ersetzen.

Bei einem Computerspiel ist die Situation grundlegend anders.

Wer «The Witcher 3» spielt, sucht nicht einfach eine Anwendung mit dreidimensionaler Grafik, Dialogen und einer Spielfigur. Er möchte eine bestimmte Welt erkunden, ihre Geschichte erleben und herausfinden, welche Erfahrungen die Entwickler geschaffen haben.

Das Spiel selbst ist das gewünschte Produkt.

Selbst wenn KI künftig jedem Menschen ermöglicht, innerhalb kurzer Zeit eigene Computerspiele zu entwickeln, wird dadurch das Interesse an den Werken anderer nicht verschwinden.

Wir lesen schliesslich auch Bücher anderer Autoren, obwohl wir selbst Geschichten schreiben könnten. Wir hören Musik, die andere komponiert haben, und sehen Filme, deren Handlung wir vorher nicht kennen.

Die Möglichkeit, etwas selbst zu erschaffen, ersetzt nicht den Wunsch, etwas zu entdecken.

Diese Unterscheidung könnte für die künftige Softwareökonomie entscheidend sein.

Bei produktiven Anwendungen liegt der Wert vor allem in ihrer Fähigkeit, eine Aufgabe zu erfüllen. Bei Spielen, Filmen und anderen kreativen Werken entsteht er wesentlich durch die individuelle Erfahrung, die jemand gestaltet hat.

Das gilt auch dann, wenn die Herstellung solcher Werke durch KI erheblich günstiger wird.

Hollywood wird durch KI möglicherweise einen Teil seiner bisherigen wirtschaftlichen Eintrittshürden verlieren. Aufwendige visuelle Effekte, Animationen oder ganze Filmproduktionen könnten künftig mit wesentlich kleineren Teams realisierbar sein.

Damit werden mehr Menschen ihre eigenen Geschichten filmisch umsetzen können.

Das bedeutet jedoch nicht, dass das Publikum nur noch selbst generierte Filme sehen möchte. Menschen interessieren sich weiterhin für fremde Perspektiven, überraschende Ideen und Werke, die sie selbst nicht geschaffen hätten.

Bei Computerspielen dürfte eine ähnliche Entwicklung einsetzen.

Wenn kleine Studios und Einzelpersonen mit KI-Unterstützung aufwendige Spiele entwickeln können, wird das Angebot wachsen. Ideen, die bisher an hohen Produktionskosten gescheitert wären, könnten erstmals realisiert werden.

Gleichzeitig wird es schwieriger, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Je mehr Spiele verfügbar sind, desto wichtiger werden Qualität, Originalität, Gestaltung und die Fähigkeit, Menschen für ein bestimmtes Werk zu interessieren.

Nicht jedes Spiel wird dadurch wirtschaftlich erfolgreich sein. Wahrscheinlich wird ein erheblich grösseres Angebot auch mehr mittelmässige und kaum beachtete Veröffentlichungen hervorbringen.

Doch der Markt für besondere Spielerfahrungen dürfte bestehen bleiben.

Die Bezahlung muss dabei nicht zwingend über einen klassischen Kaufpreis erfolgen. Kostenlose Spiele mit Zusatzinhalten, Abonnements oder gemeinschaftliche Onlinewelten zeigen bereits, wie unterschiedlich sich Spielerfahrungen monetarisieren lassen.

Entscheidend bleibt, dass Menschen einen eigenständigen Wert darin sehen, die Ideen und Welten anderer zu erleben.

Ein gutes Spiel ist mehr als die Summe seiner Programmfunktionen.

Wohin das Geld wandert

Wenn produktive Software zunehmend kostenlos verfügbar wird, stellt sich eine naheliegende Frage: Womit verdienen Softwareunternehmen künftig ihr Geld?

Ein Teil der Antwort ist bereits sichtbar.

Cloud-Dienste, Hosting, Rechenleistung, KI-Modelle, Datenspeicherung und spezialisierte Infrastruktur verursachen laufende Kosten. Unternehmen benötigen Unterstützung bei Integration, Sicherheit, Wartung und Betrieb. Andere bezahlen für verlässliche Serviceleistungen, garantierte Verfügbarkeit oder die Übernahme bestimmter Verantwortlichkeiten.

Auch individuelle Entwicklungen werden weiterhin wirtschaftlichen Wert besitzen. Die Erstellung kann günstiger werden, während fachliche Beratung, Architektur und Qualitätssicherung eigenständige Leistungen bleiben.

Das Geschäftsmodell verschiebt sich damit zunehmend vom Verkauf einer allgemeinen Funktion zur Bereitstellung einer verlässlichen Gesamtlösung.

Für manche Softwareunternehmen wird diese Veränderung schwieriger sein als für andere.

Wer eine Anwendung hauptsächlich über ihren Funktionsumfang verkauft, muss künftig möglicherweise mit wesentlich mehr kostenlosen Alternativen konkurrieren. Wer dagegen über einzigartige Datenbestände, spezialisierte Technologien, professionelle Dienstleistungen oder ein stark integriertes Ökosystem verfügt, besitzt zusätzliche Wettbewerbsvorteile.

Auch grosse Plattformanbieter werden ihre Position nicht einfach verlieren. Etablierte Dateiformate, bestehende Arbeitsabläufe, Vertragsbeziehungen und hohe Umstellungskosten verschwinden nicht, nur weil neue Anwendungen günstiger entwickelt werden können.

Die Veränderung dürfte sich daher unterschiedlich schnell vollziehen.

Einfache Utilities, kleine Verwaltungsanwendungen und standardisierte Funktionen könnten besonders früh unter Preisdruck geraten. Bei hoch spezialisierten oder sicherheitskritischen Systemen werden andere wirtschaftliche Faktoren weiterhin eine erhebliche Rolle spielen.

Dennoch verändert sich die grundlegende Verhandlungsmacht.

Je einfacher es wird, eine bestehende Funktion unabhängig nachzubilden, desto weniger selbstverständlich wird es, dauerhaft für deren exklusiven Zugang zu bezahlen.

Die nächste Abhängigkeit wartet bereits

Bei aller Aussicht auf günstigere und offenere Software darf ein Risiko nicht übersehen werden.

Während die Entwicklung einzelner Anwendungen zugänglicher wird, könnte sich die wirtschaftliche Macht auf die zugrunde liegende KI-Infrastruktur konzentrieren.

Grosse KI-Modelle benötigen Rechenleistung, Energie, spezialisierte Hardware und erhebliche Investitionen. Der Zugang zu leistungsfähigen Modellen wird häufig über zentrale Plattformen und kostenpflichtige Schnittstellen organisiert.

Ein Unternehmen könnte künftig seine gesamte Geschäftssoftware als Open Source betreiben und trotzdem von einem einzigen KI-Anbieter abhängig sein, weil dessen Modelle wesentliche Funktionen entwickeln oder ausführen.

Die Abhängigkeit wäre damit lediglich an eine andere Stelle gewandert.

Ähnliches gilt für geschlossene Dateiformate, proprietäre Cloud-Dienste und Agentenplattformen, die festlegen, welche Anwendungen überhaupt angesprochen werden können.

Digitale Souveränität wird daher nicht allein dadurch erreicht, dass der Quellcode einer Anwendung offenliegt. Entscheidend ist auch, ob Daten portabel bleiben, Schnittstellen dokumentiert sind und zentrale Funktionen unabhängig betrieben werden können.

Offene Standards, lokal ausführbare Modelle und austauschbare Komponenten dürften deshalb weiter an Bedeutung gewinnen.

Eine Zukunft mit Millionen kostenloser Anwendungen wäre wenig gewonnen, wenn deren Entwicklung und Nutzung dauerhaft von einer Handvoll Infrastrukturbetreiber kontrolliert würde.

Die wirtschaftliche Herausforderung besteht darin, die neue Zugänglichkeit der Softwareentwicklung zu erhalten, ohne an anderer Stelle dieselben Abhängigkeiten erneut aufzubauen.

Wenn die Anwendung zur Selbstverständlichkeit wird

Die Softwareindustrie steht möglicherweise vor einer Veränderung, die weit über neue Funktionen, schnellere Entwicklungswerkzeuge oder zusätzliche KI-Assistenten hinausgeht.

Jahrzehntelang beruhte ein erheblicher Teil ihres wirtschaftlichen Erfolgs darauf, dass die Entwicklung komplexer Programme hohe Investitionen erforderte. Diese Eintrittshürde ermöglichte es Unternehmen, technische Fähigkeiten exklusiv anzubieten und ihre Kosten über grosse Nutzerzahlen zu amortisieren.

Künstliche Intelligenz könnte diese Grundlage zunehmend verändern.

Wenn sich Programme günstiger entwickeln, individuell anpassen und miteinander kombinieren lassen, verlieren viele standardisierte Anwendungen einen Teil ihrer bisherigen Exklusivität.

Das bedeutet nicht, dass Software wertlos wird. Im Gegenteil: Sie dürfte in noch mehr Lebens- und Arbeitsbereiche vordringen, weil ihre Entwicklung wirtschaftlich möglich wird, wo sich bisher kein eigenes Produkt gelohnt hätte.

Vielleicht werden wir künftig für viele alltägliche Aufgaben überhaupt nicht mehr darüber nachdenken, welche Anwendung wir kaufen müssen. Die benötigte Funktion entsteht aus vorhandenen Komponenten, wird an unsere Anforderungen angepasst oder von einem KI-Agenten im Hintergrund ausgeführt.

Für zuverlässigen Betrieb, spezialisierte Leistungen und fachliche Verantwortung werden wir weiterhin bezahlen.

Und wenn wir ein Computerspiel kaufen oder einen Film ansehen, bezahlen wir für eine Erfahrung, die jemand anders für uns geschaffen hat. Auch dann, wenn wir technisch längst in der Lage wären, etwas Eigenes zu produzieren.

Ich erwarte daher keine Zukunft, in der sämtliche Software kostenlos sein wird. Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass ein grosser Teil produktiver Standardsoftware zunehmend frei verfügbar, offen entwickelt und individuell anpassbar wird.

Die klassische Anwendung als festes, proprietäres Produkt könnte dadurch erheblich an Bedeutung verlieren.

Vielleicht wird Software irgendwann so alltäglich und selbstverständlich wie die technischen Grundlagen, auf denen sie läuft. Wir werden sie überall verwenden, verändern und miteinander kombinieren, ohne jedes Mal eine neue Lizenz erwerben zu müssen.

Software wird nicht weniger wichtig. Aber wir werden möglicherweise immer seltener dafür bezahlen, dass eine bestimmte Funktion überhaupt existiert.